Unser fairer Modellwert von EUR 51,35 beruht vor allem auf zwei Annahmen, die deutlich vom berichteten Ist-Stand abweichen und deshalb einer klaren Herleitung bedürfen.
Erstens: Margenerholung in Chemicals. Dieses Segment berichtete 2025 eine IFRS-EBIT-Marge von minus 3,7 Prozent. Bereinigt um nicht wiederkehrende Wertminderungen von rund 1,8 Prozentpunkten ergibt sich eine Run-Rate-Marge von circa minus 1,9 Prozent. Wir unterstellen in Jahr 1 eine Marge von minus 0,4 Prozent und erwarten, dass diese bis Jahr 5 auf 7,5 Prozent steigt. Die Abweichung vom Ist-Stand ist erheblich. Der Anker ist die Management-Guidance für eine 'erhebliche Steigerung' des EBITDA in 2026 durch den Zhanjiang-Vollbetrieb, der konkret neue Petrochemie- und Intermediates-Kapazitäten mit strukturell niedrigeren Energiekosten gegenüber Ludwigshafen bringt.
Wir folgen dieser Annahme, weil der Standort nachweislich in Betrieb gegangen ist; gleichzeitig bleibt das Risiko, dass globaler Preisverfall durch chinesische Überkapazitäten die Kosteneinsparungen kompensiert. Unser Fünf-Jahres-Ziel von 7,5 Prozent liegt deutlich unter dem Niveau, das Chemicals in normalen Zyklusjahren vor 2022 erzielt hat, und ist deshalb kein Optimismus, sondern eine bewusst konservative Annahme.
Zweitens: Agricultural Solutions als Werttreiber. Dieses Segment erzielte zuletzt eine berichtete IFRS-Marge von 14,0 Prozent; bereinigt um einmalige ERP-Konversionskosten von 1,6 Prozentpunkten liegt die Run-Rate bei 15,6 Prozent. Wir unterstellen in Jahr 1 eine Marge von 16,0 Prozent und erwarten, dass diese bis Jahr 5 auf 12,0 Prozent zurückgeht. Der Rückgang gegenüber der aktuellen Run-Rate ist bewusst eingebaut, weil die aktuelle Marge von dem auslaufenden ERP-Einmaleffekt und einem günstigen Produktmix bei glufosinate-P profitiert; mittelfristig erwarten wir Gegenwind durch Generika-Preisverfall bei Herbiziden und Regulierungsdruck in der EU.
Das Umsatzwachstum setzen wir auf 2 Prozent pro Jahr, gestützt auf die demonstrierte Wachstumsrate von organisch nahe 3 Prozent (die berichtete Zwei-Jahres-CAGR von minus 1,1 Prozent war FX-bedingt verzerrt) und das globale Agrarchemie-Marktvolumenwachstum von 2 bis 3 Prozent.
Die Abwägung: Die Margenerholung in Chemicals ist die eigentliche Wette. Dafür spricht, dass Zhanjiang nachweislich läuft und strukturell niedrigere Kosten liefert. Dagegen steht, dass chinesische Cracker-Kapazitäten den Preisspielraum für Petrochemikalien global noch mehrere Jahre einengen werden; wir sehen keinen Beleg für die Kapazitätsdisziplin, die eine schnelle Preiserholung erfordern würde. Wir bleiben deshalb mit unserer Fünf-Jahres-Marge in Chemicals unter der Management-Ambition und unter dem historischen Normalniveau des Segments.
Die Bandbreite unserer Szenarien zeigt die Sensitivität: Im Basisszenario (60 Prozent Wahrscheinlichkeit) ergibt sich ein Wert von rund EUR 50,66, im optimistischen Fall (20 Prozent) von EUR 83,69 und im pessimistischen Fall (20 Prozent) von EUR 21,10. Das optimistische Szenario wird wesentlich durch höhere Zhanjiang-Kostenvorteile im Chemicals-Segment sowie einen früheren MDI-Zyklus-Aufschwung in Materials getragen, kombiniert mit einem beschleunigten Wachstum in Agricultural Solutions durch den Partial-IPO-Impuls und glufosinate-P-Marktanteilsgewinne.
Im negativen Fall würden strukturelle Petrochemie-Schwäche in Europa und anhaltende MDI-Neukapazitäten von Wettbewerbern die Margen dauerhaft auf niedrigem Niveau halten, ergänzt durch Care-Chemicals-Druck in Nutrition and Care; dieses Szenario würde den Wert auf rund EUR 21 drücken.
Bereinigt um den erwarteten Nettoerlös aus der Coatings-Veräußerung an Carlyle von rund 1,5 Mrd. EUR (mit 90 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit gewichtet auf 1,35 Mrd. EUR) erhöht sich der Eigenkapitalwert entsprechend; dieser Erlös ist bereits im fairen Modellwert enthalten.
Der aktuelle Kurs von EUR 49,36 liegt rund 4 Prozent unter unserem fairen Modellwert von EUR 51,35. Das Rating 'Fair bewertet' passt: Markt und Modell kommen auf nahezu dasselbe Vielfache, und die Bandbreite der Szenarien ist mit EUR 21 bis EUR 84 ausgesprochen breit, was die hohe Makro- und Zyklusunsicherheit widerspiegelt. Anleger zahlen heute im Wesentlichen für das Basisszenario.