Unser fairer Modellwert beruht vor allem auf zwei Annahmen. Erstens unterstellen wir für Express ein Umsatzwachstum von rund 4 % pro Jahr. Die Division hat 2025 einen Volumentrog durchlaufen (zeitkritische Tagesvolumina minus 9,4 % durch US-Zollrestriktionen), während die berichtete Marge bei 12,9 % stabil blieb; das belegt Preisdisziplin auch bei Volumenrückgang. Für 2026 erwartet das Management ein Divisionen-EBIT von über 5,6 Mrd. EUR (2025: 5,5 Mrd. EUR), Express trägt davon rund 55 %.
Wir unterstellen eine graduelle Volumenrückkehr, gestützt auf die Managementguidance und die historische Beobachtung, dass Handelsströme sich bei Zollerhöhungen verlagern statt dauerhaft zu verschwinden; MEA-Wachstum von 2,5 % im Jahr 2025 ist ein erster sichtbarer Beleg für Handelsumleitung. Die operative Marge setzen wir für Jahr 1 auf 13,0 %, für Jahr 5 auf 13,5 %, gestützt auf den demonstrierten Durchschnitt von 12,3 % (2024) bis 12,9 % (2025) im Trog und erwartete Skaleneffekte bei Volumenrückkehr.
Zweitens ist die Margenentwicklung im Speditionsgeschäft (GFF) die eigentliche Herausforderung für das Modell. Zuletzt berichtete Marge war 4,1 % (Trog, inklusive 84 Mio. EUR Restrukturierungsaufwand); die bereinigte Ausgangsmarge schätzen wir auf rund 4,6 % für Jahr 1. Für Jahr 5 unterstellen wir 7,0 %, gestützt auf das Restrukturierungsprogramm und den demonstrierten Normaljahrswert von 5,5 % (2024). Diese Annahme ist die größte Unsicherheit: dafür spricht das laufende Kostenprogramm, dagegen steht der strukturelle Wettbewerbsdruck durch DSV und Kuehne+Nagel sowie die anhaltende Schwäche im europäischen Straßenfrachtmarkt durch die Autoindustriebaisse. Wir bleiben bewusst unter dem langfristigen Margenpotenzial mancher Peers, da DHL im Frachtbereich kein Niedrigkostenmodell verfolgt.
Die Bandbreite der Szenarien zeigt die Sensitivität: Im optimistischen Szenario (rund 25 % Wahrscheinlichkeit) liegt der faire Modellwert bei rund EUR 86,77, getragen vor allem durch eine frühere und stärkere Erholung der Expressvolumina über Handelsumleitung auf Asien- und MEA-Routen sowie eine schnellere Materialisierung der Restrukturierungsvorteile im Speditionsgeschäft. Im pessimistischen Szenario (rund 15 % Wahrscheinlichkeit) fällt der Wert auf rund EUR 20,09, weil eine dauerhafte Eskalation der US-Zölle den Express-EBIT unter 3,0 Mrd. EUR drückt, der Frachtmarkt strukturell deprimiert bleibt und die GFF-Marge unter 3 % fällt. Das Basisszenario (rund 60 % Wahrscheinlichkeit, EUR 50,54) setzt eine Guidance-Erfüllung mit einem Konzern-EBIT von über 6,2 Mrd. EUR im Jahr 2026 voraus. Der wahrscheinlichkeitsgewichtete faire Modellwert liegt bei EUR 55,03.
Mit einem aktuellen Kurs von EUR 57,20 liegt dieser rund 3,8 % über unserem fairen Modellwert. Die Aktie erscheint damit fair bewertet. Der geringe Abstand erklärt sich nicht aus einer strukturellen Fehlbewertung, sondern daraus, dass unsere Basisannahmen nah an der Managementguidance liegen und der Markt ein ähnliches Szenario einpreist. Wer den Kurs auf deutlich höherem Niveau rechtfertigen will, muss entweder eine schnellere Expressvolumenerholung oder eine aggressivere GFF-Margenexpansion unterstellen als in unserem Basisszenario.