Unser Modell beruht auf zwei Annahmen, die den Wert wesentlich treiben. Erstens unterstellen wir für Graphite Solutions ein Umsatzwachstum von rund 3 % pro Jahr über fünf Jahre. Das Segment erzielte 2025 einen Umsatz von 442 Mio. EUR; Management guidet für 2026 einen leichten Rückgang auf rund 420 bis 430 Mio. EUR, was die Lagerkorrektur bei SiC-Kunden widerspiegelt. Ab 2027 erwarten wir, gestützt auf die Managementkommunikation zur SiC-Nachfrageerholung sowie den X-energy-SMR-Vertrag (rund 30 Mio. EUR Jahresumsatz ab 2026), eine schrittweise Volumenerholung. Die 3-%-Wachstumsannahme liegt damit bewusst unter der historischen Boomrate von 2024 und ist als vorsichtige Erholung verankert, nicht als Extrapolation des Zyklushochs.
Zweitens unterstellen wir eine bereinigte EBIT-Marge in Graphite Solutions von rund 10,9 % in Jahr 1 (bereinigt um einmalige Sachanlage-Wertminderungen und Kaufpreisallokationsamortisation) und eine Erholung auf 13,5 % in Jahr 5. Die zuletzt berichtete EBIT-Marge von 7,9 % liegt unter der bereinigten Laufrate, weil das Segment 2025 nicht wiederkehrende Belastungen von rund 3,0 Prozentpunkten trug. Die Erholung auf 13,5 % ist verankert am demonstrierten Normalniveau von 2022 und 2023 (jeweils rund 12 bis 13 %) und spiegelt die erwartete Kapazitätsauslastung bei Halbleiter-Graphit in einem normalisierten SiC-Markt.
Die eigentliche Wette liegt im Timing der SiC-Recovery. Dafür spricht, dass KI-Datencenter SiC-Leistungshalbleiter verstärkt nachfragen und der X-energy-Vertrag einen von der SiC-Konjunktur unabhängigen Wachstumspfad eröffnet. Dagegen spricht, dass die Lagerbestände bei SiC-Kunden Ende 2025 noch nicht abgebaut waren, Management selbst für 2026 nochmals eine leicht rückläufige Nachfrage erwartet, und ein schwächerer EV-Markt die Erholung verzögern kann. Wir unterstellen deshalb keine Beschleunigung in 2026, sondern eine graduelle Normalisierung ab 2027, und bleiben damit im Einklang mit der Managementkommunikation.
Die Szenario-Bandbreite zeigt die Sensitivität dieser Annahme. Im optimistischen Fall (Wahrscheinlichkeit rund 20 %) holt der Halbleitermarkt früher als geplant auf, Graphite Solutions wächst mit rund 7 % statt 3 % pro Jahr, und die Kapazitätsauslastung in Bonn und St. Marys treibt die Terminalmarge auf rund 16 %; der faire Wert läge dann bei rund EUR 8,89. Im pessimistischen Fall (ebenfalls rund 20 %) verzögert sich die SiC-Erholung auf 2028 oder später, US-Zölle auf GS-Exporte aus St. Marys belasten die kurzfristige Marge auf rund 9 % statt 11 %, und die automobile Schwäche hält den Composite-Solutions-Wert dauerhaft niedrig; der faire Wert fiele auf rund EUR 2,58. Der gewichtete faire Modellwert beträgt EUR 5,46.
Zum Wandelanleihe-Refinanzierungsrisiko: Wir haben einen Einmaleffekt für das Risiko höherer Refinanzierungskosten oder Aktienverwässerung bei den Wandelanleihen mit Fälligkeit 2027 und 2028 (insgesamt 220,6 Mio. EUR) im Modell berücksichtigt. Dies drückt den gewichteten Modellwert um einen kleinen, aber messbaren Betrag.
Was der Markt einpreist: Um den aktuellen Kurs von EUR 3,82 zu rechtfertigen, müsste der Konzern rund minus 4,3 % Umsatz pro Jahr schrumpfen (wir unterstellen plus 1,1 %) oder die Terminalmarge auf rund 9,3 % fallen (wir: rund 12,7 %). Alternativ preist der Markt ein Risikoprofil ein, das einer Renditeerwartung von rund 12,7 % entspricht, was SGL Carbon als deutlich risikoreicher einstuft als unser Modell. Keiner dieser Pfade allein erklärt die Kurslücke vollständig, was zeigt, dass der Markt mehrere Risiken gleichzeitig einpreist. Der faire Modellwert von EUR 5,46 liegt rund 43 % über dem aktuellen Kurs; die Differenz reflektiert vor allem die Recovery-Fantasie im Halbleitergeschäft und die Qualität des Process-Technology-Segments, die der Markt im aktuellen Zyklustief gering bewertet.